Jugendliche aus Schauenburg in Berlin

Junge Schritte auf dem Weg ins Gemeindeparlament

Seit 2004 bietet die Jugendpflege Schauenburg im zweijährigen Turnus eine politische Bildungsfahrt nach Berlin an. Jeder, der sich ehrenamtlich im Betreuerteam engagiert, darf für einen Eigenkostenanteil eine Woche mit der Jugendpflege in unsere Hauptstadt fahren und dort am politischen Bildungsprogramm teilnehmen. Geschichtlich beschäftigen wir uns dort hauptsächlich mit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, der Gründung der Bundesrepublik, dem kalten Krieg und der Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands sowie unserer heutigen Demokratie und der aktuellen Bundespolitik.

Eingeladen von unserer zuständigen Abgeordneten Nicole Maisch des Bündnis 90/Grünen besuchten 28 Jugendliche aus Schauenburg während der Osterferien den Bundestag. Ist man als Jugendgruppe zum Planspiel angemeldet gibt es nicht nur die reguläre Besucherführung in die Besucherreihen im Plenarsaal sondern auch einen Einblick in die Fraktionssitzungssäle der einzelnen Parteien. Vom Paul-Löbe-Haus aus, dem Gebäude der Bundestagsabgeordneten, liefen wir durch die unterirdischen Gänge, gingen in das Reichstagsgebäude vor die Bürotür von Frau Merkel und in verschiedene Sitzungsräume unserer Bundestagsfraktionen.

Nachdem viele Fragen gestellt und beantwortet wurden trafen wir uns eineinhalb Stunden später in den Räumen des Paul-Löbe Hauses. Gemeinsam wurde für die nächsten Stunden die heutige Politik im Bundestag simuliert. Es galt in verschiedenen fiktiven Parteien, ein Gesetz über Tierschutz zu verabschieden. Je nach aktuellen Sitzen im Bundestag wurde auch die Sitzverteilung im Planspiel eingehalten. Kleinere Parteien bekamen bis zu sechs Sitzen und die größeren bis zu 17. Jeder Jugendliche erhielt eine zugehörige Partei und eine eigene Rolle im Planspiel. Wie in der Bundespolitik wurden Vorsitzende gewählt, es wurde in Ausschüssen diskutiert und in der Plenardebatte abgestimmt. 

Nach drei Stunden gefüllt mit Fraktionssitzungen, Diskussionen innerhalb und außerhalb der Parteien, Plenardebatten, Reden der Vorsitzenden und Lesungen erfolgte die Schlussabstimmung über die Beschlussvorlage des federführenden Ausschusses mit den beschlossenen Änderungen und eine Gesetzesänderung wurde spielerisch auf den Weg gebracht bzw. in unserem Fall vertagt.

Das Planspiel „Parlamentarische Demokratie spielerisch erfahren“ soll einen Beitrag leisten Jugendlichen Politik nachvollziehbar und spannend zu machen. Junge Bürgerinnen und Bürger sollen motiviert werden, sich kritisch mit Politik auseinanderzusetzen und die Wege der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung im Bundestag sowie auf kleinerer Ebene in den Gemeindeparlamenten zu beobachten und zu bewerten und sich bestenfalls selbst in einer Partei vor Ort in Schauenburg zu engagieren.

Die Jugendpflege möchte nicht nur die „große“ Politik in Berlin sichtbar und verständlich machen sondern auch die Strukturen in Schauenburg aufzeigen. Mit kleinen Einheiten wird den jugendlichen Betreuern auf den Seminaren immer wieder gezeigt, wie Kommunalpolitik funktioniert, wie sich die verschiedenen Gemeindegremien vor Ort zusammensetzen und sich jeder einzelne Bürger in seinem Ort engagieren kann.

Wir haben uns in Berlin jedoch nicht nur mit der aktuellen Politik beschäftigt sondern auch mit der Vergangenheit und der Teilung Deutschlands sowie mit den besonderen  Lebensbedingungen in der DDR und dem SED-Regime am Beispiel des ehemaligen Stasi-Gefängnisses Hohenschönhausen.

Auf dem Gelände der früheren zentralen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit befindet sich seit 1994 eine Gedenkstätte. Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen befindet sich an einem Ort, der wie kaum ein anderer in Deutschland mit der 44jährigen Geschichte politischer Verfolgung in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR verknüpft ist. Auf dem Gelände einer ehemaligen Großküche im Nordosten Berlins wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein sowjetisches Speziallager errichtet. Nach der Schließung des Lagers im Oktober 1946 entstand im Keller des Gebäudes das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis für Ostdeutschland. 1951 übernahm das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) das Gefängnis, erweiterte es 1961 durch einen Neubau und nutzte es bis 1989 als zentrale Untersuchungshaftanstalt. Tausende politisch Verfolgte waren an diesem Ort inhaftiert, darunter fast alle bekannten DDR-Oppositionellen.

In Begleitung der ehemaligen Insassin Edda Schönherz, frühere Nachrichtensprecherin der DDR und später auf dem Bildschirm des Bayrischen Rundfunks zu sehen, verbrachten wir einen Tag in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. In der Regel führen ehemalige Häftlinge die Besucher durch das Gefängnis und informieren sie über die Haftbedingungen, physischen und psychischen Folterungen und Verhörmethoden des DDR-Staatssicherheitsdienstes.

Die persönlichen, sehr emotionalen und tief erschütternden Erlebnisse von Frau Schönherz verfolgten wir alle sehr ernst und begriffen, was es bedeuten konnte, sich gegen das damalige Regime zu äußern. Lediglich eine Nachfrage in der deutschen Botschaft in Ungarn auf ihre Ausbürgerungschancen brachte die Journalistin und Moderatorin Edda Schönherz 1974 für drei Jahre in das berüchtigte Frauenzuchthaus Hoheneck, nachdem sie sich der Folter und den psychischen Qualen der Staatssicherheit in Hohenschönhausen beugen musste. Gerade ihre sehr intimen und detaillierten Erzählungen ihres eigenen Schicksals ergriffen uns sehr. Wir lernten mit Edda Schönherz eine Person kennen, die aufzeigt, wie wichtig es ist, sich für Politik und Geschichte zu interessieren. Sie appellierte an die Jugendlichen sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden und sich für politische Vorgänge zu interessieren, damit sich grausame geschichtliche Ereignisse wie diese, die sie selbst erleben musste, niemals wiederholen werden.

Ein Besuch in den Gedenkstätten „Stille Helden“ und Deutscher Widerstand, eine Unterweltenführung durch die Bunker des Dritten Reichs und Stadtführungen mit der Geschichte von Ost und West rundeten den geschichtlichen Teil ab. Aber auch ein Besuch im ARD-Hauptstadtstudio, ein Vormittag auf dem Flohmarkt am Mauerpark, ein Bundesligaspiel von Hertha BSC und das Lösen eines Exit-Games waren Teil der Woche in Berlin.